Ansprache des Vorsitzenden des Vereins ERINNERUNG UND MAHNUNG zur Übergabe des neu gestalteten jüdischen Friedhofs in Telgte am 27. Oktober 2005

 

Herr Bürgermeister Dr. Meendermann, Herr Landtagsabgeordneter Trampe-Brinkmann,  Herr Landrat Dr. Kirsch, Herr Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Münster, Fehr, sehr geehrte Damen und Herren.

 

 

Gestern ging nach dem jüdischen Religionskalender das dritte in der Reihe der Wallfahrtsfeste, das Laubhüttenfest, Sukkot,  nach neun Tagen zu Ende. Sukkot ist das Fest des Einsammelns, ein Dankfest für das Einbringen der Ernte und zugleich erinnert es an die Wüstenwanderung der Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten und an das Wohnen in unfesten Hütten während dieser Zeit. Der Gottesdienst während des Schlussfestes am  neunten Festtag zeichnet sich dadurch aus, dass nach der Tora- und Prophetenlesung nicht nur um Regen für eine kommende gute Ernte gebetet wird, sondern auch eine Seelenfeier zum Gedenken an die Toten stattfindet. Zugleich endet an diesem Tag der jährliche Zyklus der Toraabschnitte: das neue „Kirchenjahr“ beginnt.

 

Ich glaube, dass dieser Zeitpunkt sehr geeignet ist, der jüdischen Gemeinde von Westfalen, dessen Vertreter , Herr Sharon Fehr mit dem Vorbeter der jüd. Gemeinde Münster, Herrn Yehoud-Desel, die ich besonders begrüßen möchte, den neugestalteten Friedhof zu übergeben.

 

Zum einen gedenken wir auch an diesem Tag der Telgter Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens die dort begraben sind und zum anderen beginnt an diesem Tag ein neuer Abschnitt in der städtischen Geschichte.

 

Nach der Untat der Schändung des Friedhofs vor 63 Jahren mit dem Ziel, jegliche Erinnerung an jüdisches Leben, an jüdische Kultur in unserer Stadt zu tilgen, werden heute die Namen der dort begrabenen Toten wieder in das öffentliche Bewusstsein zurückkehren und damit die barbarische Absicht der Nationalsozialisten aktiv endgültig konterkariert.

 

Ich will nicht darauf eingehen, warum es so lange gedauert hat, das zu tun, was erst in den letzten Jahren geschehen ist, sondern meiner Freude und meinem Dank Ausdruck geben, dass es überhaupt geschehen konnte.

Daran haben viele mitgewirkt: Ludwig Rüter, der sich seit Jahren um die Aufarbeitung der Geschichte der Telgter Juden verdient gemacht hat und der „Spiritus rector“ und Gründungsvater unseres Vereins ist.

 

Prof. Dr. Peter Maser, Direktor des Ostkirchen-Instituts der WWU, der uns mit seiner profunden Kenntnis jüdischer Religion und Riten mit Dr. Behrenberg zusammen vor manchem Irrweg bewahrt hat.

 

Marianne und Arnold Michels, die viel Schreibarbeit übernommen haben und schließlich Pfarrer Günter Struck, der als „Herr des Geldes“ mit darüber gewacht hat, dass die Anstrengungen des Vereins kein finanzielles Abenteuer wurden.

Alle Mitglieder des Vereins ERUMA, die durch ihre inhaltlichen Beiträge und ihren Zuspruch die gemeinsame Sache befördert haben.

Dieser engagierten Gemeinschaft vorzustehen ist mir eine Ehre!

 

Danke sage ich auch der Stadt Telgte, Dank an Rat und Verwaltung.

 

Der Rat hat sich die Neugestaltungspläne vorstellen lassen und sie zustimmend zur Kenntnis genommen.

 

Bürgermeister Arensmeyer hat 1942 der Räumung des jüdischen Friedhofs zugestimmt, die Schändung zugelassen. Die Bürgermeister Ulrich Roeingh und Dr. Dietrich Meendermann haben dagegen Planung und Verwirklichung der Neugestaltung mit ihren Verwaltungen aktiv unterstützt und gefördert. Schon nach dem ersten Gespräch mit Herr Roeingh wurde die Hilfe der städtischen Bauverwaltung mit Herrn Ginski zugesagt, die wir auch umfangreich erhalten haben. Danke!

Dank an den städtischen Bauhof, Herrn Peters mit seinen Männern. Sie haben fachlich professionell und auf hohem Qualitätsstandard gearbeitet. Sie haben gute Vorschläge gemacht und spüren lassen, dass sie bei diesem Projekt mit ganzem Herz dabei waren. Ohne sie wäre das gesteckte Ziel nicht so erreicht worden, wie es sich heute präsentiert.

 

Dank an Prof. Jörg Heydemann, der, nachdem wir in Verein und Vorstand mit unserem Latein am Ende waren, die konzeptionelle Gestaltung übernommen und mit Dipl. Ing. Herbert Goldmann und Dipl. Designerin Eva Geissendrees Pläne und Dokumentation entworfen und gestaltet hat.

Der Jüdischen Gemeinde Münster wie auch dem Landesrabbiner Dr. Harry G. Brandt Dank für die weiterführenden Hinweise, die bei der Umsetzung alle berücksichtigt werden konnten.

 

Alles hat Geld gekostet, das weder der Verein noch die Stadtkasse zur Verfügung hatte. Dies galt es zu beschaffen. Über 120 Spender haben das finanzielle Fundament der Verwirklichung gelegt.

 

Privatleute, Firmen und Institutionen haben ihren Beitrag geleistet. Für die Einzelspende von 10 EURO, aus dem Budget für das tägliche Leben abgespart, sage ich danke wie auch für die Großspende von 5000 EURO eines wirtschaftlich sehr starken Finanzinstituts. Mit einem Sonderbeitrag der Stiftung Heimat und Kultur des Landes NW wurde auch noch die Sandsteinmauer möglich.

 

Dank noch mal an die Stadt Telgte, die die Kosten des Einsatzes des Bauhofpersonals übernommen und an die Telgter Firma, die das schwere Gerät für Arbeiten des Bauhofs unentgeltlich überlassen hat.

 

Durch das materielle  Engagement vieler, insbesondere vieler Telgter Bürger und solcher Einrichtungen, die dieser Stadt sich in besonderem Maße verbunden fühlen, ist es gelungen, ein sichtbares Zeugnis dafür abzulegen, das nie mehr geschehen darf, was nie geschehen durfte.

 

Dem Bürgermeister der Stadt Telgte möchte ich nun die Schlüssel des Nebentores überreichen, das den behindertengerechten Zugang zum Friedhof ermöglicht. Diese Schlüsselübergabe ist Zeichen dafür, dass aus Sicht des Vereins die Neugestaltung abgeschlossen ist, aber wir werden aber auch zukünftig wachsame Augen auf diesen „Ort des Lebens“ haben.

 

 

Klaus Beck